EuGH, Urt. v. 07.03.2024, C-740/22, Endemol Shine Finland
Mündliche Auskunft über strafrechtliche Verurteilungen ist eine Verarbeitung; keine Herausgabe von Verurteilungsdaten an jede anfragende Person ohne besonderes Interesse; Art. 10 DSGVO verbietet eine gesetzlich geregelte Übermittlung mit geeigneten Garantien nicht.
1. Kurzübersicht
Ein Unterhaltungsunternehmen bat ein finnisches Gericht mündlich um Auskunft über laufende oder abgeschlossene Strafverfahren gegen eine Person, die an einem vom Unternehmen veranstalteten Wettbewerb teilnehmen sollte. Das Gericht verweigerte die Auskunft. Das Berufungsgericht legte dem EuGH die Fragen vor, ob eine mündliche Weitergabe überhaupt eine Verarbeitung im Sinne der DSGVO ist und ob Art. 6 Abs. 1 lit. e und Art. 10 DSGVO einer solchen Auskunft entgegenstehen.
2. Leitsätze
Die mündliche Mitteilung von Daten über strafrechtliche Verurteilungen ist eine Verarbeitung personenbezogener Daten nach Art. 4 Nr. 2 DSGVO, wenn die Daten in einem Dateisystem gespeichert sind oder gespeichert werden sollen. Der Verarbeitungsbegriff ist weit auszulegen; die DSGVO lässt sich nicht dadurch umgehen, dass Daten mündlich statt schriftlich weitergegeben werden.
Weder Art. 6 Abs. 1 lit. e noch Art. 10 DSGVO verbieten es allgemein und absolut, dass eine Behörde durch nationales Recht ermächtigt oder verpflichtet wird, Daten über strafrechtliche Verurteilungen an Personen zu übermitteln, die dies beantragen. Voraussetzung ist, dass die Regelung geeignete Garantien für die Rechte und Freiheiten der Betroffenen vorsieht.
Die Offenlegung von Verurteilungsdaten gegenüber jeder anfragenden Person ohne Nachweis eines besonderen Interesses ist mit der DSGVO nicht vereinbar. Das Recht auf Zugang zu amtlichen Dokumenten (Art. 86 DSGVO) rechtfertigt eine solche Übermittlung nicht.
3. Bedeutung
Die Entscheidung führt die Linie des Urteils zu den lettischen Strafpunkten fort (EuGH, Urt. v. 22.06.2021, C-439/19, Latvijas Republikas Saeima) und überträgt sie auf die Einzelanfrage eines Unternehmens bei einem Gericht. Sie zeigt, dass Art. 10 DSGVO die Übermittlung von Strafdaten an Private nicht ausschließt, sie aber an eine gesetzliche Regelung mit Garantien und an ein besonderes Interesse des Empfängers bindet. Zugleich klärt sie, dass der Verarbeitungsbegriff auch mündliche Auskünfte aus Dateisystemen erfasst (Begriff der Verarbeitung). Der Volltext ist über InfoCuria abrufbar.
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This article was written by Dr. Thomas Helbing, specialist lawyer for IT law in Munich.
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CJEU, judgment of 27 February 2025, C-203/22, Dun & Bradstreet Austria
Scope of the right of access to the logic involved in an automated decision under Article 15(1)(h) GDPR; explanation of the procedure and principles instead of disclosure of the algorithm; in camera proceedings where trade secrets stand in the way.
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Löschungsanspruch gegen einen Eintrag in einer Betrugswarndatei; bloße Verdachtsmomente ohne Verurteilung fallen nicht unter Art. 10 DSGVO, dessen Schutz an die hoheitliche Feststellung einer Straftat anknüpft.