OLG Karlsruhe, Urt. v. 23.02.2021, 14 U 3/19
Löschungsanspruch gegen einen Eintrag in einer Betrugswarndatei; bloße Verdachtsmomente ohne Verurteilung fallen nicht unter Art. 10 DSGVO, dessen Schutz an die hoheitliche Feststellung einer Straftat anknüpft.
1. Kurzübersicht
Der Kläger verlangte die Löschung eines Eintrags über ihn in einer Betrugswarndatei einer Wirtschaftsauskunftei. Der Eintrag beruhte auf Auffälligkeiten im Sinne der Vorschriften zur Verhinderung von Geldwäsche und betrügerischen Handlungen (§ 25h KWG, § 47 GwG), nicht auf einer Verurteilung. Der Kläger berief sich unter anderem darauf, dass die Speicherung gegen Art. 10 DSGVO verstoße.
2. Leitsätze
Art. 10 DSGVO ist auf Tatsachen, die lediglich einen Verdacht begründen, ohne dass es zu einer Verurteilung gekommen ist, nicht anwendbar. Die Vorschrift erfasst Daten über strafrechtliche Verurteilungen, Straftaten und Sicherungsmaßregeln.
Der besondere Schutzbedarf, der Art. 10 DSGVO zugrunde liegt, ergibt sich aus der hoheitlichen Feststellung, dass jemand eine bestimmte Straftat begangen hat. An dieser Feststellung fehlt es bei bloßen Auffälligkeiten oder Verdachtsmomenten.
3. Bedeutung
Die Entscheidung stützt die enge Auslegung des Anwendungsbereichs von Art. 10 DSGVO: Verdachtsdaten unterliegen nicht dem Behördenvorbehalt, sondern den allgemeinen Regeln, insbesondere den Grundsätzen der Richtigkeit und der Verhältnismäßigkeit sowie der Interessenabwägung nach Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO. Für Warndateien bedeutet das keinen Freibrief: Der Eintrag muss auf nachprüfbaren Tatsachen beruhen und für einen konkreten Zweck erforderlich sein. Nachweise zur Entscheidung sind über dejure.org abrufbar.
About the author
About the author
This article was written by Dr. Thomas Helbing, specialist lawyer for IT law in Munich.
Since 2020 and continuously through today (2026), Handelsblatt has recognized Dr. Helbing as one of "Germany's Best Lawyers" in IT law and data protection law.
According to Kanzleimonitor.de (2024 to 2026 editions), he ranks among the leading lawyers for data protection and IT law and is listed among the top 100 lawyers in Germany (2024/25). Kanzleimonitor is considered a particularly meaningful market study because it is based exclusively on personal recommendations from in-house counsel.
Dr. Helbing has many years of advisory experience in data protection and IT law and advises clients of all sizes, from startups through fast-growing SaaS companies and unicorns to international corporate groups.
His professional background covers the full spectrum of IT and technology law practice. He began his career at a major international law firm, then gained in-house experience at a DAX-listed company, and is himself an entrepreneur and founder of several digital ventures. He also has hands-on programming experience, which allows him to understand technical systems, software architectures and digital business models not only from a legal perspective but also from a technical one.
For many years, his clients have included technology companies and SaaS providers, leading German research institutions and a systemically important German bank. His advisory focus lies in particular on GDPR compliance, the data economy, SaaS, AI regulation and IT contract law.
EuGH, Urt. v. 07.03.2024, C-740/22, Endemol Shine Finland
Mündliche Auskunft über strafrechtliche Verurteilungen ist eine Verarbeitung; keine Herausgabe von Verurteilungsdaten an jede anfragende Person ohne besonderes Interesse; Art. 10 DSGVO verbietet eine gesetzlich geregelte Übermittlung mit geeigneten Garantien nicht.
OLG Dresden, Urt. v. 30.11.2021, 4 U 1158/21
Nachforschungen einer Detektei über strafrechtliche Verurteilungen verstoßen gegen Art. 10 DSGVO; Verarbeitung von Strafdaten grundsätzlich nur unter behördlicher Aufsicht; Schadensersatz nach Art. 82 DSGVO und gesamtschuldnerische Haftung des Geschäftsführers.